Britisches Oberhaus fordert umfassendes Werbeverbot für Glücksspielbranche
Ein parteiübergreifender Ausschuss empfiehlt radikale Maßnahmen gegen Glücksspielwerbung zum Schutz gefährdeter Gruppen.

Ein parteiübergreifender Ausschuss des britischen Oberhauses hat ein umfassendes Verbot von Glücksspielwerbung im Vereinigten Königreich empfohlen. Der am 17. September veröffentlichte Bericht des House of Lords Liaison Committee sieht in der Reduzierung von Marketingmaßnahmen die effektivste Methode, um glücksspielbedingte Schäden einzudämmen. Die Empfehlungen markieren den bisher deutlichsten Vorstoß gegen die milliardenschwere Werbemaschinerie der Branche.
Öffentliche Gesundheit im Fokus
Der Bericht, der eine Folgestudie zur Untersuchung von 2020 darstellt, konzentriert sich auf Werbung, Marketing und Sponsoring im Glücksspielsektor. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass aktuelle Erkenntnisse "bedeutende Schritte" gegen die Branche rechtfertigen, insbesondere zum Schutz von Kindern und gefährdeten Gruppen. Als Grundlage diente unter anderem die Gambling Survey for Great Britain (GSGB) der Gambling Commission, laut der zwischen einer und 1,5 Millionen Erwachsenen in Großbritannien auf dem Problem Gambling Severity Index (PGSI) Werte erreichen, die auf problematisches Spielverhalten hindeuten. Dabei gilt ein Score von 8 oder höher als Indikator für pathologisches Glücksspiel.
Historische Entwicklung der Werbung
Der Ausschuss identifizierte den Gambling Act 2005 als Wendepunkt, ab dem lizenzierte Anbieter weitreichende Werbefreiheiten erhielten. Vor 2005 war Glücksspielwerbung im Fernsehen und Radio auf Produkte wie Bingo, Fußballtoto und die National Lottery beschränkt. Seither sind die jährlichen Werbeausgaben der Branche laut Bericht auf geschätzte 1 bis 2 Milliarden Pfund gestiegen. Diese Entwicklung habe, so die Analyse, zu einer Normalisierung des Glücksspiels in der Gesellschaft beigetragen.
Kritik an bestehenden Regelungen
Der Vorsitzende des Ausschusses, Lord Ponsonby of Shulbrede, betonte, dass sich die Debatte durch das Wachstum von Online-Marketing und damit verbundenen Schäden seit 2020 deutlich verschoben habe.
"Die Zeit war reif, diesen zentralen Politikbereich neu zu bewerten, insbesondere im Hinblick auf Glücksspielwerbung, wo die starken Empfehlungen des früheren Ausschusses weitgehend unberücksichtigt blieben",erklärte er. Der Bericht kritisiert das bestehende Flickwerk aus Selbstregulierung, darunter die Codes der Advertising Standards Authority (ASA), und fordert stattdessen eine gesetzlich verankerte Regulierung durch die Gambling Commission mit erweiterten Befugnissen.
Problemfelder im Marketing
Besondere Sorge bereiten dem Ausschuss direkte Marketingmethoden wie E-Mails, SMS und Push-Benachrichtigungen. Eine australische Studie unter Leitung von Dr. Philip Newall von der University of Bristol zeigte, dass Teilnehmer, die keine Marketingangebote erhielten, signifikant weniger ausgaben und weniger Schäden meldeten. Auch Werbung durch Influencer und Content-Marketing soll als reguläre Werbung behandelt und prioritär eingeschränkt werden. Zudem wurden Sponsoringvereinbarungen mit Sportteams als problematisch eingestuft - trotz freiwilliger Maßnahmen wie dem Verbot von Hauptsponsoren auf Trikots in der Premier League bleibt die Branche allgegenwärtig.
Wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegen Branchenargumente
Der Bericht widerspricht grundlegend der Argumentation der Glücksspielindustrie, wonach Werbebeschränkungen Spieler zu illegalen Anbietern treiben würden. Auswertungen staatlicher Monopolbetreiber in Europa hätten keinerlei Belege für eine nennenswerte Migration zu illegalen Operateuren nach Werbebeschränkungen ergeben. Diese Erkenntnis untergräbt ein zentrales Verteidigungsargument der Branche gegen strengere Regulierung.
Politische Entwicklungen und nächste Schritte
Die Empfehlungen des Ausschusses kommen parallel zur Umsetzung des Glücksspielreform-White Papers der britischen Regierung aus dem Jahr 2023, das unter anderem eine gesetzliche Abgabe zur Finanzierung von Forschung und Behandlung vorsieht. Während das Department for Digital, Culture, Media and Sport zwar einen Forschungsbeauftragten für Online-Werbung ernannt hat, warnt das Oberhaus vor Verzögerungstaktiken. Die zunehmende politische Einigkeit über die Behandlung von Glücksspielwerbung als Public-Health-Thema deutet auf bevorstehende regulatorische Veränderungen hin.


